Verständnis von Bewältigung

Zum Verständnis von Bewältigung und den dazugehörigen Prozessen

In der Literatur werden die Begriffe `Bewältigung`, `Coping` und `Verarbeitung` häufig synonym verwendet, wobei im Folgenden mit Weikert (1996) der Terminus `Bewältigung` als Oberbegriff, welcher alle reaktiven Verarbeitungsprozesse zusammenfasst, gewählt werden soll. Im alltäglichen Gebrauch ist dieser zumeist positiv besetzt, da hiermit in der Regel die erfolgreiche Auseinandersetzung eines Menschen mit Belastungen assoziiert wird. Eine mögliche Begründung für Assoziationen jener Art findet sich in der vergangenen Bewältigungsforschung, welche anhand von Phasenmodellen (z.B. Schuchardt 1982, Klinger 1975) universelle Bewältigungsphasen benennt und den Begriff `Bewältigung` mit einem positiven Abschluss einer Stresssituation gleichsetzt. Silverman/ Wortman  (1991) betonen jedoch, „dass Krisenverläufe und Bewältigungsprozesse weitaus stärker variieren als in den Prozessmodellen angenommen. So können intra- und interpersonelle Unterschiede im Erleben und in deren Verarbeitungsverläufen nicht hinreichend differenziert und erklärt“ werden. Das Postulat von der Universalität von Bewältigungsprozessen mit positivem Abschlussstadium erscheint daher fraglich. In der neueren Fachliteratur wird die Bezeichnung `Bewältigung` somit wertneutral für alle Prozesse der Verarbeitung und für Verhaltensweisen  verwendet, die ein Individuum auf belastende Ereignisse zeigt. Jenes Bewältigungsverhalten unterscheidet sich nicht zwangsläufig von alltäglichen Verhaltensweisen, zeichnet sich allerdings durch seine Zielgerichtetheit und spezifische Funktion in Bezug auf einen bestimmten Situationsanlass aus. „Wichtig dabei ist die Eigenaktivität und Wechselseitigkeit  bezogen auf die Umwelt, also Interaktivität.“

Lazarus zu Folge bedeutet effektive Bewältigung nicht notwendigerweise `realitätsnahe` Bewältigung, sondern vielmehr einen Prozess, der sich durch Flexibilität auszeichnet, sowie problemlösende (Verbesserung der Situation) und emotionsregulierende Funktion (Veränderung der erlebnismäßigen Komponenten, Regulation negativer Affekte, Linderung) beinhaltet. Der Autor unterscheidet vier Bewältigungsformen. Jede dieser Formen besitzt problemlösende und emotionsregulierende Funktion, kann sich gleichermaßen auf die eigene Person und Umwelt beziehen, sowie auf vergangene, aktuelle (Schädigung/ Verlust) und zukünftige Ereignisse (Bedrohung/ Herausforderung) gerichtet sein.

Lazarus differenziert zwischen:

  • Informationssuche: Die Person filtert sich aus einem als stressreich erlebten Ereignis die für ihre Wahl des Bewältigungsverhaltens und zur Neueinschätzung der Situation brauchbaren Informationen heraus.
  • Direkte Aktion: Direkte Aktionen umfassen alle von einer Person zum besseren Umgang mit einem belastenden Ereignis initiierten Aktivitäten (z.B. Wutausbrüche).
  • Aktionshemmung: Handlungsimpulse und starke Gefühle wie z.B. Wut und Ärger werden zunächst unterdrückt. Aktionshemmung (Streß bewältigen) impliziert somit Inaktivität, welche jedoch zugunsten späterer Handlungsziele effektives Bewältigungsverhalten bedeuten kann.
  • Intrapsychische Prozesse: Intrapsychische Prozesse bezeichnen alle kognitiven, emotionalen und motivationalen Prozesse, die zur Bewältigung der belastenden Situation beitragen und in enger Wechselwirkung stehen (z.B.  Flucht- und Vermeidungsverhalten, das für eine Person das Gefühl von subjektiver Kontrolle über die Situation bedeuten kann).

Einflussfaktoren