Leben mit Aphasie

In diesem Kapitel werden mögliche Belastungen, die für von Aphasie betroffene Menschen und ihre Bezugspersonen mit dem Leben mit Aphasie verbunden sein können und verschiedene, ihren Bewältigungsprozess potentiell beeinflussende Faktoren dargestellt. Zu diesem Zweck stelle ich der Nennung solcher möglichen Einflussfaktoren nach Filipp (1995) zunächst eine inhaltliche Beschreibung der Termini Belastung und Bewältigung im Sinne von Lazarus (1995) voran, um abschließend die Bewältigung der in einem Leben mit Aphasie potentiell aufkommenden Belastungen in Bezug auf die von Filipp genannten Faktoren zu beleuchten.

Grundlagen einer Theorie zur Belastung und Bewältigung

Das Konstrukt der Bewältigung ist eng mit der Vorstellung von Belastung verbunden. „Von der Kindheit bis zum höheren Erwachsenenalter werden Menschen mit belastenden Lebenssituationen konfrontiert. Die Auseinandersetzung mit diesen führen zu entwicklungsbedingten Veränderungen.“36 Sowohl im Alltag als auch in der Fachliteratur wird der Begriff der `Belastung` häufig mit dem des `Stress` synonym verwendet, da sich letzterer durch die damit einhergehenden, als unangenehm und bedrohlich wahrgenommenen, Belastungen charakterisieren lässt. „Die im Zusammenhang mit Belastungen und Stress ablaufenden Verarbeitungsprozesse bzw. Verhaltensweisen einer Person werden als Bewältigungsprozesse bezeichnet.“37 Im Sinne von Lazarus (1995), welcher die Termini `Belastung und Bewältigung` als individuelles, prozessuales Geschehen versteht, nehme ich im Folgenden eine nähere inhaltliche Beschreibung vor.

Zum Verständnis von Belastung

Grohnfeldt (1996) definiert Belastungen als „objektiv vorhandene oder subjektiv erlebte Erschwernisse und Widerstände […], die auf das Lebensgefühl Einfluss nehmen […].“38 Für die Entstehung von Belastungen sind laut Lazarus Merkmale der Person und Merkmale der Situation verantwortlich.39 Hansen (1999)  geht mit dem zuvor genannten Autor davon aus, dass sich eine Belastungssituation dann ergibt, wenn eine Person bestimmte Umweltbedingungen und interne Anforderungen in Bezug auf die eigenen Ressourcen als diese übersteigernd und somit bedrohlich erlebt.40 Anlass hierfür kann eine Krise sein, die wiederum als Ausdruck eines kritischen Lebensereignisses aufgefasst werden kann.41 Das kritische Lebensereignis ist laut Filipp (1996) eine Beschreibung von Belastungen, die einen Eingriff in das Passungsgefüge Person-Umwelt darstellen und die soziale Situation der Betroffenen dramatisch verändern.42 Der Begriff der `Krise` wird verstanden als ein Veränderungsprozess, der ein Individuum belastet, der durch Unterbrechungen der Kontinuität des Erlebens und Handelns, durch Störungen in der Handlungsorganisation und eine Destabilisierung der emotionalen Befindlichkeit gekennzeichnet ist.43 Es wird somit deutlich, dass die Termini `Stress`, `Belastung`, `kritisches Lebensereignis` und `Krise` eng zusammenhängen und nicht klar voneinander abgrenzbar sind, wobei ich mit Weikert (1996) der Meinung bin, dass sich `Belastung` als Oberbegriff, in den sich die anderen genannten Definitionen integrieren lassen, zu eignen scheint.

Neben zeitlich begrenzten Lebenseinschnitten können auch Dauerbelastungen auftreten, die häufig durch unveränderbare Lebensumstände und deren Auswirkungen bedingt sind (z.B. chronische Erkrankungen, Behinderungen). Lazarus zu Folge lassen sich gleichermaßen so genannte `Daily Hassels`, das heißt alltägliche kleine Krisen und Widrigkeiten, die mit Unwohlsein, Angst und Anstrengungen einhergehen, als Belastungen anführen.45 Im Folgenden wird von `Belastung` jedoch angesichts des Bezugs zu einem Leben mit Aphasie primär im Hinblick auf einschneidende Lebensereignisse und daraus potentiell resultierende Dauerbelastungen gesprochen. Den genannten Belastungssituationen gemeinsam ist, wie oben beschrieben, dass sie sich negativ auf das persönliche Wohlbefinden eines Menschen auswirken können und abgesehen von diesen personalen Variablen auch gleichzeitig Auseinandersetzungen der Person mit den situativen Variablen zur Folge haben. Die hierbei ablaufenden Vorgänge werden im Allgemeinen als Bewältigung bezeichnet.46 Schätzt ein Mensch eine Situation bezüglich der eigenen Fähigkeiten im Zuge seiner individuellen Wahrnehmung und Bewertung als stressreich ein, führt dies zu Bewältigungsprozessen. Lazarus, welcher die Art, wie eine Person eine Situation in Bezug auf ihre eigenen Ressourcen einschätzt als `Transaktion` bezeichnet, differenziert zwischen folgenden Einschätzungsprozessen:

  • Primäre Einschätzung: Die primäre Einschätzung beschreibt den Vorgang, innerhalb dessen eine Person die Bedeutung der Transaktion für das eigene Wohlbefinden einschätzt. Diese kann als irrelevant, positiv oder stressreich bewertet werden, wobei sich die letzte Einschätzung in die Subtypen `Schädigung und Verlust` (Ereignis ist bereits eingetreten: z.B. Verlust einer geliebten Person, Verlust der eigenen physischen Funktionen), sowie `Bedrohung` (Ereignis ist noch nicht eingetreten, jedoch antizipiert – die Person, schätzt die eigenen Kompetenzen als unzureichend ein) und `Herausforderung` (antizipiertes Ereignis wird als Möglichkeit zu persönlichem Wachstum aufgefasst, da die eigenen Kompetenzen als ausreichend eingeschätzt werden).
  • Neueinschätzung: Der Vorgang der Neueinschätzung unterscheidet sich von dem zuvor genannten lediglich dadurch, dass er zeitlich später einsetzt und eine Neubewertung der Transaktion beschreibt, welche durch Rückmeldungen, also durch neue Informationen aus der Umwelt, oder durch Veränderungen der Qualität und Intensität der Emotionen der betroffenen Person bedingt ist.48 Es zeigt sich hiermit der nur theoretisch zu trennende Verlauf von Belastung und deren Verarbeitung. „[…] da Emotionen fortwährend im Fluss sind“49, ist der prozessuale Charakter jener Vorgänge offenbar, womit deutlich wird, dass sich die genannten Einschätzungsprozesse letztlich überlagern. Prozesse der primären Einschätzung stehen gleichermaßen in Abhängigkeit zu den Prozessen der sekundären Einschätzung.
  • Sekundäre Einschätzung: Mit der sekundären Einschätzung setzt, im Falle einer als bedrohlich bewerteten Transaktion, der Prozess der Bewältigung ein, insofern, als dass die Person unbewusst oder bewusst eine Entscheidung treffen muss, wie sie mit der als stressreich erlebten Situation umgeht. Um im Rahmen dieses Vorgangs eine Bewältigungsform auszuwählen, sind, neben vielen weiteren Einschätzungsprozessen, Informationen über die eigenen Ressourcen, auf die zurückgegriffen werden kann, notwendig.

Lazarus geht also von einem prinzipiell handlungsmächtigen, aktiven Subjekt aus, dessen subjektive Perzeption und Evaluation des Krisengeschehens zu spezifischen Befindlichkeiten, Bewältigungsabsichten und -handlungen führt.50 Hiermit schließe ich mich der vorgestellten transaktionalen Auffassung an, da diese mit den meiner Arbeit zugrunde liegenden Menschenbildannahmen und erkenntnistheoretischen Grundlagen  kooperiert (Vgl. Kap. 2). Die Subjektivität von Erleben, sowie die Wechselbeziehungen zwischen Person und Umwelt stehen im Mittelpunkt der Betrachtung.

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