Einflussfaktoren

Der Prozess der Bewältigung ist für jeden Menschen gekennzeichnet durch Fortschritte, Rückschritte und Stagnation, wobei diese prozessualen Veränderungen auch von der Dauer einer Belastung abhängig sind. Resultierend aus einem komplexen Anforderungsgefüge, das sich über unterschiedliche Zeiträume erstreckt, stellt Bewältigung eine Konstellation aus vielen Handlungen und Gedanken dar. „Nicht das Ergebnis dieses Prozesses soll als Bewältigung bezeichnet werden, sondern der Vorgang selbst.“ Bezogen auf die Effektivität jenes Vorgangs sind die Erhöhung des subjektiven Wohlbefindens und die damit einhergehende Verbesserung der Lebensqualität einer Person entscheidend. Übergreifende Aussagen über spezifisch effektive Verhaltensweisen erscheinen unhaltbar.

Filipp (1995) nimmt das Bewältigungsmodell von Lazarus in ihrem allgemeinen Modell zur Analyse kritischer Lebensereignisse auf. Auch sie versteht die Konfrontation mit Lebensereignissen und die darauf folgenden Prozesse der Auseinandersetzung als transaktionales Geschehen, im Zuge dessen das Ereignis und die Person aktive Kräfte darstellen. Ausgehend von ihrem prozessualen Verständnis von Belastung und Bewältigung benennt sie verschiedene Faktoren, die Bewältigungsprozesse beeinflussen können und somit für eine Analyse kritischer Lebensereignisse unerlässliche Kriterien bilden. Die im Folgenden übernommene theoretische Trennung einzelner Faktoren geschieht wiederum allein aus methodologischen Gründen. Letztlich sind alle Aspekte komplex miteinander verwoben. Filipp nennt folgende Einflussfaktoren:

  • Antezendenzmerkmale: Hierbei handelt es sich um die einem aktuellen Lebensereignis vorauslaufenden Bedingungen, das heißt, die Lebens- und Bewältigungsgeschichte einer Person, ihre Erfahrungen mit und Bewältigung von vergangenen kritischen Lebensereignissen. Filipp sieht diesbezüglich einen engen Zusammenhang zwischen vorauslaufendem Bewältigungsverhalten und der Art der Bewältigung aktueller oder künftiger Ereignisse. Sie nimmt an, dass die für eine Person in ihrer Biographie zu verzeichnende `Erfolgsbilanz` bisheriger Bewältigungsstrategien die Problemlösefähigkeit in Bezug auf  künftige Lebensereignisse erhöht.
  • Personenmerkmale: Als Personenmerkmale gelten die psychische und physische Ausstattung eines Menschen zum Zeitpunkt der Konfrontation mit einem kritischen Lebensereignis. Die Autorin geht davon aus, dass es diese gewissermaßen erlaubt vorherzusagen, wie eine Person, die mit einem Ereignis verbundenen Ereignisqualitäten wahrnimmt und bewertet, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit sie mit bestimmten Ereignisqualitäten konfrontiert sein wird und welche persönlichen Ressourcen ihr zur Bewältigung des Ereignisses zur Verfügung stehen. Die genannte Ausstattung eines Menschen umfasst unter anderem die Wechselwirkungen von Variablen wie Selbstwertgefühl, Kontrollüberzeugung, ereignisbezogenes Wissen, Geschlecht, Alter und Gesundheitszustand zum Zeitpunkt des Eintritts des Lebensereignisses. Entscheidend für die Auseinandersetzung  und Bewältigung sind der Autorin zu Folge somit die Konfigurationen von unterschiedlichen Personenmerkmalen, nicht einzelne Variablen.
  • Kontextmerkmale: Die Kontextmerkmale bezeichnen die Merkmale des sozialen und ökologischen Kontextes einer Person, innerhalb dessen sich die Konfrontation und Auseinandersetzung mit dem kritischen Lebensereignis vollzieht. Filipp nimmt hierbei Bezug auf die von Bronfenbrenner 1981 vorgenommene Unterteilung ineinander verflochtener Systemebenen, welche ihrer Meinung nach wichtige Einflussgrößen für die Entstehung von Belastungen sind, sowie die individuelle Bewertung und Bewältigung von Lebensereignissen beeinflussen. Von besonderer Bedeutung für die Bewältigung  von Belastungen seien hierbei die gesellschaftliche Einbindung und die sozialen Beziehungs- und Stützsysteme eines Menschen. Weikert 1996 unterscheidet in Bezug auf diesen sozialen Rückhalt zwischen sozialer Integration und sozialer Unterstützung. Ersteres meint laut Autorin die Einbindung einer Person in soziale Netzwerke (z.B. Familie, Freundeskreis), letzteres bezieht sich mehr auf die qualitative Bedeutung sozialer Beziehungen für die Person. Zumal die bloße Integration auch zusätzliche Belastung für einen Menschen bedeuten kann (z. B. durch Konflikte in Familie und Freundeskreis) misst Weikert der Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen vorrangige Bedeutung bei. Soziale Unterstützung kann emotional, instrumentell oder durch Informationsübermittlung erfolgen und sich somit potentiell positiv auf die emotionale Befindlichkeit der betroffenen Person, auf deren emotionale und kognitive Bewertungsprozesse und auf die vorhandene Problemlage auswirken.
  • Ereignismerkmale: Ereignismerkmale beschreiben die Charakteristika und spezifischen Merkmale der vorliegenden Behinderung, Krankheit oder Störung. Filipp nimmt zur Beschreibung derer eine mehrdimensionale Perspektive ein, in dem sie zwischen objektiven, objektivierten und subjektiven Ereignisparametern unterscheidet. Als objektive Ereignismerkmale bezeichnet sie jene, die dem Ereignis inhärent sind und somit voraussetzungsfrei, das heißt unabhängig von subjektiven Einschätzungen der betroffenen Person, zu formulieren sind. Hierzu zählen unter anderem zeitliche Merkmale eines Lebensereignisses (Zeitpunkt des Eintritts, zeitliche Erstreckung, plötzliche Zäsur oder Ende einer vorausgegangenen Geschehenskette), dessen Lokalisation im Lebenslauf (Welcher Lebensbereich ist unmittelbar betroffen? Wirkt sich das Ereignis auf mehrere Lebensbereiche gleichzeitig aus?) und der Grad der Universalität (Wie viele Menschen sind innerhalb einer Population zum gegebenen Zeitpunkt von dem Ereignis betroffen?). „Objektivierte Ereignismerkmale beruhen auf theoretischen Setzungen qua intersubjektiver Konsensbildung […]“ (z.B. durch Experten, selektierte Populationen oder Zufallspopulationen von Personen) „und können aufgrund formaler Einschätzungen nach dem Grad ihrer Belastung, Erwünschtheit (Valenz), Kontrollierbarkeit und Vorhersagbarkeit (verbunden mit antizipatorischen Leistungsprognosefaktoren) unterschieden werden.“ Den subjektiven Ereignisparametern räumt Filipp besondere Relevanz ein, da sie konstruktivistischen Gedanken folgend davon ausgeht, dass Lebensereignisse erst in dem Maße Bedeutung gewinnen, in dem ihnen die betroffene Person ihre individuelle Bedeutung zuschreibt. Mit Lazarus meint sie, dass erst das Erleben und die Einschätzung eines Lebensereignisses jenes als für eine Person belastend, bedeutsam, herausfordernd und vieles mehr qualifizieren. Sie spricht sich daher für die Wichtigkeit einer Analyse subjektiver Ereigniswahrnehmung und für die Erfassung möglicher Veränderungen in Wahrnehmung und Bewertung von Ereignissen über die Zeit hinweg aus. Ergebnissen neuerer Stressforschung folgend hält sie fest, dass Person, Ereignis und Ereignisbewältigung nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern in der jeweiligen Wahrnehmung und Bewertung des Ereignisses verschmelzen. Als für die Ereigniswahrnehmung relevante Dimensionen nennt sie  Erwünschtheit (bezogen auf Handlungsziele), subjektive Bedeutung bzw. Relevanz (Bedrohung), kausale Attribuierung und Kontrollierbarkeit, Vorhersagbarkeit und die Qualität der Herausforderung (in Bezug auf bisherige Bewältigungserfahrungen).
  • Prozessmerkmale: Unter Prozessmerkmalen fasst Filipp die von Lazarus genannten Bewältigungsformen zusammen und somit das Bewältigungsverhalten auf emotionaler und kognitiver Ebene, das heißt, subjektive Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse.
  • Effektmerkmale: Mit Effektmerkmalen sind die Auswirkungen und Rückwirkungen des Bewältigungsprozesses gemeint. Lazarus geht davon aus, dass sich Effekte der Bewältigung erst nach einem großen zeitlichen Abstand zu dem kritischen Ereignis einstellen, mit dem eine Person konfrontiert ist, womit eine Analyse der Effekte wiederum auf objektive, soziale und subjektive Bedeutungs- und Veränderungskonstellationen rekurriert. Festgehalten werden kann jedoch, dass eine Person im Bewältigungsprozess eine Neuorganisation ihres Person- Umwelt- Systems anstrebt, welches ihr durch interne Kongruenz erneutes `adaptives Funktionieren` ermöglicht.

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