Metakommunikation

Bewusstsein

Das Bewusstsein, keine Ursache oder keinen Anfang jener kommunikativen Probleme zu suchen, ist im Falle von Aphasie für Betroffene und Bezugspersonen, wie Hartmann 1996 meiner Meinung nach treffend hervorhebt, schwer zu erlangen bzw. aufrechtzuerhalten, da die tiefgreifenden Einschnitte, welche das verursachende Ereignis über das familiäre System hinaus mitsichbringt, letztlich dennoch auf jenes zurückzuführen sind. Der Autor bemerkt somit: „Eine lineare Kausalbeziehung zwischen der Ursache Apoplexie und der Wirkung […] ist auch beim systemisch-interaktionalen Menschenbild nicht zu vermeiden, da hier eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen den psychischen (hirnorganische Begleitstörungen), emotionalen (Depression), sprachlichen (Aphasien, Dysarthrien, Apraxien), physischen (Hemiparesen, Facialisparesen), sozialen Störungen (Isolationstendenzen) und der Apoplexie, einer hirnorganischen Läsion, festgestellt werden können.“Dennoch bleibt zu betonen, dass die geschilderten Störungen der Kommunikation nicht unmittelbar und allein durch die Aphasie bedingt sind, sondern vornehmlich aus der Verknüpfung eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit eines Menschen mit Aphasie und ihm gegenüber unangemessenem Handeln resultieren. Um nochmals mit dem eingangs meiner Arbeit zitierten Mamoruh Itoh (2000) zu sprechen: „Ein Gespräch zwischen zwei Menschen […] ist wie Ballspielen. […] Wenn die Person, der du den Ball zugeworfen hast, ihn nicht so auffängt, wie du wolltest, gib nicht ihr die Schuld. Vielleicht liegt es nur daran, dass sie nicht gut Ball spielen kann. Vielleicht liegt es nur daran, dass dein Ball zu schwer war […].“

Metakommunikation

Erschwerend kommt hinzu, dass es sich für von Aphasie betroffene Menschen und deren Kommunikationspartner enorm schwierig gestaltet, explizite Metakommunikation zu betreiben, deren Anwendung mit Watzlawick u. a. ohnehin problematisiert wurde. So besitzt ein Mensch, dessen Sprachperformanz und Verstehen sprachlicher Details stark beeinträchtigt sind, zwar die Fähigkeit, die verschiedenen in einer Nachricht enthaltenen Botschaften zu erkennen und auch über jene zu kommunizieren34, kann hierzu jedoch vermutlich nur mehr nonverbale Mittel heranziehen, die ihrerseits bereits metakommunikative Funktion erfüllen. Mit nonverbalen Ausdrucksformen über jene Form der Kommunikation zu kommunizieren erscheint nur schwer realisierbar.

Sprach- und Kommunikationstherapie

Dennoch bezwecke ich mit dem Probanden genau jenes zu tun. Es ist mein Anliegen, ihn nach seinen (kommunikativen) Bedürfnissen in Bezug auf Sprach- und Kommunikationstherapie zu fragen und seine diesbezüglichen Ressourcen zu erfassen. Ich begreife es somit als große Herausforderung, eine Metakommunikation mit einem Menschen anzustreben, mit dem der Dialog primär über nonverbale Ausdrucksmittel realisiert werden muss. Meiner Verantwortung als Sender und Empfänger bin ich mir hierbei sehr bewusst. Interpretationen sollen daher generell am Material hergeleitet und für den Leser nachvollziehbar begründet werden. In den Gesprächen mit den Eheleuten werde ich bemüht sein, kongruente Botschaften zu senden und mich als Empfänger meines Verständnisses ihrer Botschaften rückzuversichern. Aufgrund des gewählten therapeutischen Settings und den damit verbundenen diagnostischen Ziele kann jedoch schon an dieser Stelle vorausgesagt werden, dass die Handlungen der Eheleute meinerseits gewissermaßen `psychologisiert` werden, insofern, als dass ich bemüht sein werde, zu `hören`, was sie über sich selbst mitteilen. Die Reflexion meines eigenen kommunikativen Handelns und die Begründung meiner Interpretationen sind somit in besonderem Maße gefordert.

Das „alte Leben“

Abschließend sei mit Steiner (2001) festgehalten, dass sich die Lebenssituation primär und sekundär von Aphasie Betroffener, sowie ihre subjektiv erlebten Belastungen nicht ausschließlich durch das Verständnis für ihre sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen erfassen lassen.Um nachvollziehen zu können, was es bedeuten kann, das „alte Leben“ abzuschließen und sich in einem „neuen Leben“  zurechtzufinden, werden daher im folgenden Kapitel jene potentiellen Belastungen thematisiert, die sich für den Einzelnen aus den erläuterten Störungen der Sprache und kommunikativen Prozesse ergeben können. Gleichermaßen soll angeführt werden, welche Faktoren den Bewältigungsprozess solcher lebensverändernden Situationen beeinflussen können. Dies geschieht, da ich davon ausgehe, dass das Leben mit Aphasie  auch für die Eheleute S. noch nach jahrelanger Auseinandersetzung mit und Bewältigung von dem kritischen Lebensereignis `Schlaganfall` und dessen Konsequenzen eine immense Belastung darstellt und die wöchentliche Sprachtherapie in diesem Kontext eine positiv unterstützende, persönlich bedeutsame Funktion ausübt. Auf Anhaltspunkte bezüglich der das individuelle Bewältigungsverhalten von Menschen mit Aphasie potentiell beeinflussenden Faktoren zurückgreifen zu können, ermöglicht es mir vermutlich, die Eheleute S. besser zu verstehen und den Beitrag, welchen die sprach- und kommunikationstherapeutische Unterstützung zur Bewältigung leisten kann zu optimieren. Es soll jedoch erneut festgehalten werden, dass das Ausmaß der Beeinträchtigungen und Probleme, die das Ehepaarverarbeiten mussten und müssen in den geplanten Befragungen ermittelt werden sollen, um die von ihnen im Rahmen derer vermittelten Bedürfnisse, Ressourcen und Sichtweisen angemessen nachvollziehen zu können. Die im Folgenden angeführten Aspekte sind somit ohne Anspruch auf Vollständigkeit erstellt und gelten nicht zwangsläufig für den Einzelfall.